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Vom Gestern ins Heute

Das Bibliotheksgeschäft aus einer etwas anderen Perspektive

Key-Note zur AWS-Tagung in Bensheim, 2.-4. Mai 2016

Als Tagung mit einem inhaltlichen Schwerpunkt auf wissenschaftliche Veröffentlichungen und Fachpublikationen beschäftigen wir uns seit vielen Jahren immer wieder intensiv mit dem Bibliotheksgeschäft. Auch in diesem Jahr drehen sich viele Vorträge und vor allem Diskussionen um dieses Thema.

Den Blick richten wir dann meistens von der Gegenwart in die Zukunft – mit Schlagwörtern, die heute fast immer mit „Open“ beginnen (Open Access, Open Source, Open Data, Open Science…) . Gemeint ist damit wohl eine Entwicklung, in der sich die Wissenschaftscommunity öffnet, einen Weg sucht – über alle Grenzen hinweg – Kolleginnen und Kollegen möglichst rasch Einblick in relevante Teilergebnisse zu geben, damit gleichzeitig auch die eigene Forschung im ständigen Dialog voranzutreiben und somit zu einer rascheren Verbreitung und Generierung von Wissen beizutragen. Open impliziert aber noch etwas anderes: Die Erwartung, die Wissenschaft habe sich geöffnet und die Öffentlichkeit könne nun beobachtender, lernender, vielleicht aktiver Teilnehmer des Prozesses werden.

Es liegt auf der Hand mit dem Anspruch einer solchermaßen als „Open Society“  entstehenden Vision, in die Zukunft zu schauen, eine Art Agenda 2025, 2050 zu entwickeln und ein Impulsreferat über mögliche Arbeitsweisen und Geschäftsmodelle zu halten, mit denen Verlage, Buchhandlungen aber auch Bibliotheken weiterhin erfolgreich sein können.

Ich erlaube mir zu Beginn unserer Konferenz in Bensheim einen anderen Weg einzuschlagen, den Blick zurück zu wählen und Sie zu den Beginnen des „Bibliotheksgeschäfts“, ins  8. und 9. Jahrhundert, mitzunehmen. Das hängt mit einem konkreten räumlichen Bezug zusammen, denn unweit von Bensheim, im 764 gegründeten Kloster Lorsch entstand unter dem Abt Richbodo bereits Ende des 8. Jahrhunderts – also wenige Jahre nach seiner Gründung –  ein berühmtes Skriptorium und eine reich ausgestattete, wegweisende Bibliothek, die Lorsch zu einem der führenden Wissenszentren des Frühmittelalters und der Karolingerzeit werden ließen. Berühmt und wegweisend deshalb, weil die Mönche dafür sorgten, dass die über Jahrhunderte als heidnisch abgelehnten antiken Schriften vor dem Verlust bewahrt wurden und in Lorsch eine Renaissance finden konnten.

Lorsch war so etwas wie eine DNB heute – alles, was an Schriften zugänglich und auffindbar war, wurde in die Abtei geschafft und katalogisiert. Vier, heute noch erhaltene Kataloge, geben Auskunft über den Bibliotheksbestand – ein systematisches Kleinod. Gesammelt und kopiert wurde alles, Religiöses, Antikes, eher Alltägliches, Geschichtliches, Philosophisches und Literatur. So nahm Lorsch neben vielen Bibeln auch Werke von Vergil und Ovid in seinen Besitz auf.

Die Aufgabe der Klosterbibliothek ging aber über den Sammel- und Aufbewahrungsauftrag hinaus. Anders als für die DNB heute, lautete die Botschaft, die Werke seien abzuschreiben, zu kopieren, um sie möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen und das schon verloren geglaubte Wissen zu retten. Ein ganzer Stab von Mönchen – man schätzt heute, dass es 60- 70 solcher schreibenden Mönche gegeben hat – wurde in diese Aufgabe eingebunden. In wenigen Jahren wuchs der Bibliotheksbestand, auch durch die Arbeiten des Skriptoriums, auf 300 Handschriften an – eine ungeheure Leistung, wenn man sich die Ausgangssituation, das Herbeischaffen von Material und Farben, aber auch das Beherrschen der Schreibtechnik vor Augen führt.

Wirtschaftlich denkende Menschen wie Sie, fragen bei dieser Schilderung natürlich sofort danach, wie ein neu gegründetes Kloster eine solche Bibliothek mit angeschlossenem Skriptorium finanzieren und ausbauen konnte. Zwei Aspekte müssen dazu in die Waagschale geworfen werden, politische wie gesellschaftliche. Denn ohne politische Unterstützung und Lobbyarbeit ging es auch damals nicht.

Karl der Große erkor das Kloster Lorsch zum Reichskloster, stellte es unter seinen persönlichen Schutz und sicherte ihm Immunität zu. Reich wurde man mit diesem Status nicht unbedingt – die finanzielle Grundlage des Klosters und seiner Bibliothek stammte aus anderen Quellen, aus zahllosen Schenkungen adliger Familien an das Kloster, die sich durch diese Gabe weltliche Gesundheit, aber auch ewiges Seelenheil nach dem Tode versprachen.

Frühzeitig hatten die Gründer des Klosters dafür gesorgt, dass eine Reliquie, die des Heiligen Nazarius, aus Rom nach Lorsch gebracht wurde und Lorsch als religiösen Ort aufwertete. Zur Einweihung der Nazarius-Basilika reiste Karl der Große 774 mit seinem Gefolge nach Lorsch an (er war gerade auf der Durchreise auf einer seiner vielen Feldzüge) – im Rückblick eine gelungene Zusammenführung von symbolträchtigem Besuch des Herrschers und religiösem Bestimmungsort. Diese Art von Symbolpolitik – bei allen Schwierigkeiten eines solchen Vergleichs– gab es auch schon vor mehr als 1200 Jahren.

Die kulturgeschichtliche Bedeutung der Lorscher Klosterbibliothek liegt neben seinem eindrucksvollen Bestand – mit 500 Codices in seiner Blüte beherbergte die Bibliothek eine der größten Sammlungen ihrer Zeit – vor allem in den Handschriften selbst.

In Lorsch entstand unter anderem das Lorscher Arzneibuch – mittlerweile als UNESCO-Weltdokumentenerbe ausgezeichnet – eine Verteidigungsschrift der Medizin. Nicht fatalistisch, gottgewolltes Dulden und Erdulden von Krankheit und Tod, wie es fundamentalistische Medizinskeptiker lehren, zeichne christliche Lehre aus, so der anonyme Verfasser des Vorworts, sondern im Gegenteil: Die Nutzung und Weiterentwicklung von heilkundlichem Wissen ließe sich aus der Bibel ableiten und sei elementare Aufgabe jedes Christenmenschen. So beginnt mit dem Ende des 8. Jahrhunderts erstellten Lorscher Arzneibuch die Renaissance der Medizin, nachdem jahrhundertelang die Verbreitung und Anwendung von heilkundlichem Wissen weitgehend verteufelt worden war.

Man muss sich die Lorscher Klosterbibliothek als „offenen Ort“ vorstellen; viele Gelehrte, aber wohl auch der Nachwuchs des Hofes von Karl dem Großen fanden den Weg nach Lorsch, wurden im Kloster untergebracht und versorgt. Die Bibliothek fungierte – wie andere Klosterbibliotheken auch – als Knoten in einem weitreichenden Netz des wissenschaftlichen Austausches zwischen den Klöstern des fränkischen Reiches. Die Anreise war mühseliger als heute, aber das Interesse und die Neugier auf die seltenen Handschriften, zu denen auch die Schriften römischer Geschichtsschreiber wie Titus Livius gehörten, das Kennenlernen der hohen Kunst des Schreibens, entschädigte für manche Mühsal. Und mit dem Lorscher Evangeliar verfügte das Kloster seit Beginn des 9. Jahrhunderts auch über eine prachtvolle, vollständig in Goldtinte geschriebene, Prachthandschrift. Entstanden ist diese Schrift wohl in Aachen, wurde aber Lorsch zugedacht und wegen seiner jahrhundertlangen Aufbewahrung in Lorsch mit diesem Ortsnamen verknüpft.

Wenn Sie morgen das Kloster Lorsch besichtigen, werden Sie keine Handschrift aus diesem Bestand vorfinden. Nicht weil die Handschriften verbrannt oder verloren gegangen sind – nein, der Lorscher Bibliotheksbestand ist in großen Teilen erhalten geblieben, zeigt seine Spuren in 73 Bibliotheken auf Europa und die USA verteilt. Die umfangreichste Sammlung (133 Schriften) liegt heute im Vatikan, auch große Teile des Lorscher Evangeliars – die Wege dorthin führen über die Religionskriege im 16. Jahrhundert über Heidelberg nach Rom. Andere Handschriften wurden an Bibliotheken verschenkt – so z.B. das Lorscher Arzneibuch, das bereits seit dem 11. Jahrhundert in Bamberg aufbewahrt wird.

Und doch sind die Bestände seit kurzer Zeit wieder präsent – nun nicht mehr nur in Lorsch wie vor 1200 Jahren, sondern als Bibliotheca Laureshamensis Digital sind sie weltweit über das Internet zugänglich. Es ist das Verdienst der Universität Heidelberg mit vielen Kooperationspartnern, u.a. den in Lorsch tätigen Wissenschaftlern, insbesondere Dr. Hermann Schefers, dass die 300 noch erhaltenen Schriften eingescannt und formal erschlossen wurden. Insbesondere die aufwändige Arbeit in der vatikanischen Bibliothek verdient besondere Beachtung; ein Besuch bei Dr. Frau Maria Effinger in Heidelberg als Projektverantwortliche, kann ich nur empfehlen.

Für die Wissenschaft, aber auch die öffentliche Gemeinde, die sich für die Geschichte des Mittelalters interessiert, bildet die digitale Bibliothek einen ganzen neuen Zugang zur weit verstreuten frühmittelalterlichen Handschriftensammlung. Nach der Aufarbeitung des Bestandes der Bibliothek kann nun mit erheblich geringerem Aufwand mit der Erforschung der Inhalte begonnen werden, über die Editierung und Einordnung der Schriften verspricht man sich neue Kenntnisse über historische Zusammenhänge, die weit über Lorsch hinausreichen.

Dies alles kostet viel Geld; während die Digitalisierung in einem länderübergreifenden Sonderprojekt von Hessen und Baden Württemberg finanziert und organisiert wurde, nehmen die Forschungen die üblichen universitären Wege. Manche Ergebnisse werden bzw. sind bereits in veränderter Form wieder digital sichtbar. Dazu gehört eine interaktive Karte, in der die Orte der über 1000 Besitzungen des Klosters verzeichnet sind. Grundlage für das Verzeichnis bildet der Lorscher Codex, als Urkundennachweis eine juristische Handschrift der Bibliothek (übrigen gehört Bensheim auch zu den ehemaligen Besitzungen des Klosters). Für unsere Region, vor allem die Touristiker, ist diese über das Internet recherchierbare Georeferenzierung ein wirtschaftlicher Segen; die urkundlichen Erwähnungen gelten als Gründungsdatum der jeweiligen Orte und erzeugen Interesse an jenem Ort, an dem alles seinen Ausgang nahm. Entsprechend steigen die Besucherzahlen in der Region, vor allem in Lorsch und sorgen – auch für den Einzelhandel und die Gastronomie – für stetigen Zulauf.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung wird sehr viel länger dauern; die Veröffentlichungen werden in einschlägigen, meist kleineren spezialisierten Verlagen erscheinen. Noch ist völlig offen, in welcher Form die Auswertungen präsentiert werden, print oder digital oder vielleicht als Kombination mit den Beständen der digitalen Bibliothek, eventuell in unterschiedlichen Fassungen für Fachleute und interessierte Öffentlichkeit.

So zieht eine 1200 Jahre alte Bibliothek ihre Spuren in unsere Zeit, nicht nur als Ort der Erinnerung, sondern als Raum für neue Forschungs- und Verlagsprojekte und buchhändlerische Aktivitäten. Die eher geisteswissenschaftliche, wenngleich äußerst interdisziplinär ausgerichtete Sicht auf die oben skizzierten Fragestellungen wird neben den klassischen Formen einer Veröffentlichung zu neuen Produkten führen. Aufgrund der anderen Herangehensweise werden sie sicherlich anders aussehen als in den Life-Science Wissenschaften.

Für die Rezeption dieser Publikationen und der neuen Produkte wird nicht der Zugang allein ausschlaggebend sein. Unserer Zeit leidet – anders als im Frühmittelalter – in der Regel nicht an mangelnder Zugänglichkeit. Unsere Aufgabe heute besteht darin, im Meer der überschäumenden Erkenntnisse, Wege zu bahnen, die Konzentration auf passende Segmente zu einer Fragestellung zu lenken und unterschiedliche Vertiefungsebenen anzubieten. Je passgenauer Bibliotheken ihren Kunden, Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studenten, Arbeiten aus den relevanten Fachgebieten anbieten können, desto leichter und schneller gehen Forschung, Erkenntnisgewinn und Austausch von der Hand.

Wie die Rahmenbedingungen dafür aussehen können oder müssen, welche Akteure welche Rollen mit welchen Leistungen übernehmen und/oder beibehalten können, darüber werden wir während dieser Tagung ausgiebig sprechen.

Die Mönche im Kloster Lorsch boten ihren „Kunden“, den Gelehrten– man verzeihe mir diese etwas plumpe Adaption – neben dem Zugang zur Bibliothek Unterkunft, Essen und manches Gespräch. Das reicht heute nicht. Und auch die Finanzierung einer Bibliothek über das Versprechen von ewigem Seelenheil  führt – und man muss konstatieren, glücklicherweise nicht – zum Ziel.

Für unsere Diskussionen scheint mir besonders wichtig zu sein: Print und digital sind nicht zwei Seiten einer Medaille, sondern sind unmittelbar miteinander verknüpft, dienen unterschiedlichen Zwecken und der Bewältigung von Situationen und sollten stets zusammen gedacht werden.

Mit der digitalen Auferstehung der Lorscher Klosterbibliothek hat man sich in Lorsch übrigens dank eines engagierten Direktors der Verwaltung Schlösser und Gärten nicht zufrieden gegeben. 2012 ersteigerte das Land Hessen für beträchtliches Geld bei Sotheby ein Blatt aus einer Handschrift des Klosters – es war eine Seite aus der in Lorsch entstandenen Bibeln. Sie stammt aus dem Buch des Tobias; jener Geschichte, die über die Heilung eines Blinden berichtet. Auf das vermeintlich wirksame Rezept verweist das Lorscher Arzneibuch explizit in seinem berühmten Vorwort – eine glückliche Fügung.

Dorothea Redeker – 2. Mai 2016
 

 

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